Experten beweisen Ostsee-Tsunamis

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Vor mehr als 500 Jahren wütete ein Tsunami über der Ostsee! Das wurde nun von einem Wissenschaftler-Team aus dem Nationalen Forschungsinstitut in Stettin unter der Leitung von Dr. Andrzej Piotrowski bestätigt. Im Jahre 1490 führte die Naturgewalt zu einer großen Überschwemmung. Die Welle könnte mehr als drei Meter hoch gewesen sein und stürmte bis zu 1400 Meter ins Landesinnere. Die Studie wurde an der Treptower Küste in der Nähe von Rogowo und Mrzezyno (ca. 80 km östlich von Swinemünde) durchgeführt.

„In einer Tiefe von etwa einem halben Meter fanden wir eine zehn Zentimeter dicke Sandschicht,
die vom Meerwasser angeschwemmt wurde. Selbst ein starker Sturm hätte ihn nicht so weit ins
Landesinnere gebracht. Die Sedimentsschicht ist aussagekräftig“, sagt Dr. Andrzej Piotrowski.

Doch woher wissen die Wissenschaf tler noch über die Entstehung des Tsunamis? Nützlich waren beispielsweise historische Beschreibungen über den sogenannten „See-Bären“. Eine von ihnen stammt ausdemJahr 1497. Sie wurde von einem Mönch eines Kartäuserklosters in Darlowo (Rügenwalde)
geschrieben.

„In Darlówko (Rügenwaldermünde) wurden Hafenkais vollständig zerstört (...) Fast alle Häuser wurden zerstört, Rinder sind ertrunken (...) Vier im Hafen liegende Schiffe – darunter ein großer „Kraier“ (Segelschiff) – wurden ans Land geworfen. Eins bei Zukowo Morskie, zwei am Kartäuserkloster in der Nähe der St. Gertruden Kapelle. Im Kloster habe das Wasser in den Kreuzgängen und in den Kirchen bis zur Altarhöhe gestanden“, beschrieb der Mönch.

Dr. Piotrowski weist darauf hin, dass auch unter Berücksichtigung des damaligen Meeresspiegels und der Geländegestaltung, solche Schäden nicht einmal durch einen sehr starken Sturm verursacht werden
konnten. Bei nachfolgenden Untersuchungen seimanauf weitere Schichten von Meeressand gestoßen, die vom Eindringen der Ostsee ins Landesinnere zeugen. In den Geschichtsübertragungen spricht man über solche Phänomene nur in den Jahren 1757 und 1779.

„Mankann aber davon ausgehen, dass auch schon früher Tsunamis die Regionheimsuchten. Es gibt jedoch kaumÜberlieferungen, weil damals nur wenige Menschen schreiben konnten“, so Piotrowski.

Bislang kenne niemand die genaue Ursache der Tsunamis an der OstseekĂĽste. Die Wissenschaftler
berücksichtigten mehrere Hypothesen: Erdbeben, Vulkanausbrüche, ein Erdrutsch am unteren Rand des Meeres oder seltene Druckanomalien (s.g. Meteotsunamis). Um die Ursache dieses Phänomens
herauszufinden, sind weitere Studien erforderlich – einschließlich auf hoher See.

„Seismische Ereignisse können auch an entfernten Orten auftreten. Wir wissen, dass es zur spektakulären Überflutungen entlang der Küste bis nach Lübeck gekommen ist. Die Quelle der Seismität kann auch Skandinavien sein“, vermutet der Wissenschaftler.

Andrzej Piotrowski hat die Ergebnisse seines Teams auf einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz präsentiert. Derzeit vergleicht er seine Entdeckungen mit den historisch überlieferten Quellen. Insbesondere legt er großen Wert auf Informationen in Bezug auf das Aussehen der Marienstraße in Kolberg. Dort soll angeblich der Wasserstand während der Tsunami-Katastrophe markiert worden sein. Hinweise von Hobbyhistorikern können an die Adresse apiot@pgi.gov.pl weitergeleitet
werden.

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch einmal ein Tsunami über der Ostsee auftreten wird. In der Geologie wiederholen sich die Prozesse nämlich. Zum Glück, war es in den letzten zweitausend Jahren
ein extrem seltenes Ereignis. Man sollte jedoch darüber Bescheid wissen“, sagt Piotrowski.

Quelle: Ostsee Zeitung
Foto. Państwowy Instytut Badawczy w Szczecinie